Frau Dr. Ise, Uniklinik Köln,  im Interview zu allen Fragen rund um Dyskalkulie und Rechenstörungen

 

Durchschnittlich sitzen 1- 2 Kinder mit einer Rechenstörung (auch Dyskalkulie genannt) in jedem deutschen Klassenzimmer. Leider werden diese Kinder noch sehr viel seltener erkannt als Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS). Hilfe bedürfen sie allerdings gleichermaßen. Aus diesem Anlass konnten wir Frau Dr. Ise von der Uniklinik Köln dafür gewinnen, uns ein Interview zu den häufigsten Fragen, die Eltern und Schulen zum Thema Rechenschwäche/-störung haben, zu geben – und damit hoffentlich ein bisschen mehr dazu beizutragen, dass das Thema Rechenstörung/Dyskalkulie weiter in der Öffentlichkeit ankommt.

Was versteht man eigentlich unter Rechenschwäche? Und: Sind Rechenschwäche und Dyskalkulie das gleiche?

 

„Die Rechenstörung ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte Teilleistungsstörung. Kinder und Jugendliche mit einer Rechenstörung – auch Dyskalkulie genannt – haben Schwierigkeiten im Mengen- und Zahlenverständnis. Diese führen dann zu Problemen beim Einschätzen von Mengen, beim Zählen und bei einfachen Rechenaufgaben. In der Folge kommt es zu schwachen Leistungen in Mathematik und anderen Schulfächern (z.B.: Physik, Chemie). Auch alltägliche Situationen können problematisch sein: angefangen beim Lesen der Uhr, über das Lesen von Fahrplänen bis hin zum Umgang mit persönlichen finanziellen Angelegenheiten.

Der Begriff „Rechenschwäche“ ist in der Literatur nicht eindeutig definiert. Er wird häufig genutzt um eine „mildere“ Form der Rechenstörung zu bezeichnen, die (im Gegensatz zur Rechenstörung) auch von vorübergehender Art sein kann, sich also noch „auswachsen“ kann.“

 

Viele Kinder und auch Erwachsene tun sich schwer mit Mathematik. Die haben doch nicht alle eine Rechenschwäche. Bei welchen Symptomen oder Schwierigkeiten sollte ich mein Kind testen lassen?

 

„Bei folgenden Auffälligkeiten sollten Eltern eine spezifische Diagnostik in Betracht ziehen:

  • Die Rechenprobleme bestehen seit Beginn der ersten Klasse und bleiben trotz regelmäßigem Üben oder gezielter Förderung bestehen.
  • Das Kind zeigt große Schwierigkeiten in den Grundrechenarten (Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division) und beherrscht das kleine Einspluseins und Einmaleins nicht sicher. Wenn Rechenprobleme erst dann auftreten, wenn in der Schule Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung auf dem Lehrplan stehen, liegt in der Regel keine Rechenstörung vor.
  • Das Kind vermeidet Aktivitäten, die mit Zählen und Zahlen zu tun haben (z.B.: Brett- und Würfelspiele, Einkaufen und Bezahlen, Uhrzeit ablesen)
  • Bereits im Kindergartenalter hatte das Kind Schwierigkeiten, richtig zu zählen, also die Zahlen zu kennen, beim Zählen jedem Objekt eine Menge zuzuordnen und zu verstehen, dass die zuletzt genannte Zahl die gezählte Menge widerspiegelt.
  • Das Kind scheint „kein Gefühl“ für Mengen oder Zahlen zu haben und macht beim Rechnen Fehler, die auf den ersten Blick überhaupt nicht nachvollziehbar erscheinen.
  • Das Kind macht Fehler beim Aufschreiben von Zahlen und zeigt Schwierigkeiten im Verständnis des Dezimalsystems (z.B.: „dreiundzwanzig“ wird als 32 geschrieben, „hundertacht“ wird als 1008 geschrieben).
  • Das Kind braucht für scheinbar einfache Rechenaufgabe viel Zeit, da es die Aufgaben in komplizierte Teilschritte zerlegt oder Abzählstrategien (unter Zuhilfenahme der Finger) einsetzt, anstatt das Ergebnis aus dem Gedächtnis abzurufen.“

 

Was kann ich tun, wenn bei meinem Kind eine Dyskalkulie festgestellt wurde? Reichen auch „normales“ Üben oder Nachhilfeunterricht?

 

„Studien zeigen, dass mit einer spezifischen Dyskalkulie-Förderung deutlich bessere Erfolge erzielt werden als mit konventioneller Nachhilfe. Dies ist nicht verwunderlich, weil eine Dyskalkulie-Therapie bei den grundlegenden Schwierigkeiten ansetzt, also z.B. bei der Mengen- und Zahlenverarbeitung, im Bereich der Zählfertigkeiten oder bei Rechenaufgaben im Zahlenraum bis 10. Nur wenn diese Basiskompetenzen beherrscht werden, macht es Sinn, eine curriculare Förderung durchzuführen, die sich an den Lehrplänen für Mathematik orientiert. Bei Kindern mit einer Dyskalkulie sind die Basiskompetenzen beeinträchtigt, sodass eine Wiederholung des Schulstoffs, wie es bei „normalem Üben“ oder Nachhilfeunterricht häufig der Fall ist, in der Regel nicht erfolgversprechend ist, sondern im Gegenteil sogar sehr frustrierend sein kann und langfristig zu Leistungsängsten und Vermeidungsverhalten führen kann.“

 

Was zeichnet eine gute Dyskalkulietherapie aus? Worauf muss ich achten? Wie lange dauert eine Dyskalkulietherapie? Welche Erfolge können erzielt werden?

 

„Eine gute Dyskalkulietherapie geht auf die individuellen Probleme des Kindes ein. Aufgrund jahrelanger Misserfolgserlebnisse haben viele Kinder und Jugendliche Mathematik- und Prüfungsängste entwickelt, nicht wenige Betroffene zeigen deutliche Selbstwertprobleme, eine geringe Erwartungshaltung oder allgemeines Verweigerungsverhalten. In der Dyskalkulietherapie stehen daher zunächst der Beziehungsaufbau und die Motivationssteigerung im Vordergrund.
Aus der Forschung wissen wir, dass Einzelförderung deutlich effektiver ist als Gruppenförderung oder computerbasierte Förderung und dass eine Dyskalkulietherapie besonders effektiv ist, wenn sie an das individuelle Leistungsniveau des Kindes angepasst ist. Dies kann z.B. bedeuten, dass ein Drittklässler zunächst die Basiskompetenzen erwerben muss, bevor der Schulstoff aus der ersten, der zweiten und schließlich der dritten Klasse an die Reihe kommen kann.
Eine gute Dyskalkulietherapie sollte daher langfristig (mindestens 1 Jahr) angelegt sein. Mir ist kein Programm bekannt, dass nachgewiesenermaßen in kurzer Zeit zu statistisch signifikanten und klinisch bedeutsamen Effekten führte.“

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen LRS und Dyskalkulie? Was sind hierzu die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse?

 

„Die Lese-Rechtschreibstörung (LRS) und die Rechenstörung treten überzufällig häufig gemeinsam auf. Die Angaben hierzu schwanken jedoch in Abhängigkeit der verwendeten Diagnosekriterien, der untersuchten Stichprobe und den Untersuchungsmethoden. Manche Studien berichten, dass bis zu 30% der Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung auch die diagnostischen Kriterien der Rechenstörung erfüllen.“

 

Für Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche gilt der LRS-Erlass. Für Dyskalkulie gibt es einen solchen Erlass nicht. Was kann die Schule tun, um rechenschwache Kinder zu unterstützen?

 

„Auch bei Kindern mit einer Rechenstörung sind ein Nachteilsausgleich und ein Abweichen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsbewertung (Notenschutz) dringend notwendig. Ziel des Nachteilsausgleichs ist es ja nicht, Vorteile zu schaffen, sondern Nachteile auszugleichen.

Weil jedes Kind anders lernt und andere Schwierigkeiten hat sollte abgeklärt werden, in welchen mathematischen Bereichen die Schwächen vorliegen. Diese sollten durch einen Nachteilsausgleich aufgefangen werden, während für die anderen Bereiche bei Prüfungen kein Nachteilsausgleich gewährt werden müsste.

Studien zeigen immer wieder, dass Kinder und Jugendliche mit einer Rechenstörung mehr Zeit benötigen, um Rechenaufgaben zu bearbeiten. Dies hat mehrere Gründe. Ein Grund ist die allgemein verlangsamte mentale Verarbeitung von Zahlen und Mengen. Ein anderer Grund ist, dass die Kinder Schwierigkeiten haben, das kleine Einspluseins und Einmaleins auswendig zu lernen und aus dem Gedächtnis abzurufen, wodurch sie selbst einfache Aufgaben zählend lösen und bei mehrgliedrigen Aufgaben die einzelnen Teilschritte mühsam errechnen müssen. Der Nachteilsausgleich sollte daher in erster Linie eine Verlängerung der Arbeitszeit bei Übungen und schriftlichen Prüfungen beinhalten. Dies kann sowohl durch eine Zeitzugabe umgesetzt werden, als auch durch eine Reduzierung des Prüfungsumfangs. Eine weitere Möglichkeit des Nachteilsausgleichs ist z.B. die Verwendung von Einspluseins- bzw. Einmaleinstabellen in Prüfungssituationen.“

Mit herzlichem Dank an Frau Dr. Ise!

(Interview mit Dr. Elena Ise,  Forschungsabteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln. Ihr Forschungsschwerpunkt ist u. a. die Rechenstörung.)

 

Interview zu allen Fragen rund um Dyskalkulie und Rechenstörungen

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